Die Waldprämie – das Märchen der nachhaltigen Bewirtschaftung der Wälder?

Heute mal wieder ein aktuelles Thema, beziehungsweise ein Thema, das Ende letzten Jahres aufkam. Vielleicht hast du es in den Nachrichten mitbekommen: es geht um die Waldprämie. Konkret geht es um die Richtlinie zum Erhalt und zur nachhaltigen Bewirtschaftung der Wälder. Diese Richtlinie wurde vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft beschlossen. Was dahinter steckt und warum es nicht unbedingt förderlich ist, werde ich dir heute aufzeigen.  

Typischer Wald in Deutschland (Eifel 2020)

Der erste Satz in der Präambel lautet: Der Wald ist systemrelevant. Dieses Wort haben wir während der Corona-Pandemie kennen und lieben gelernt. Ich glaube jeder weiß mittlerweile, welche Jobs in der Gesellschaft systemrelevant sind. Diesen Begriff kann man genauso auch im Naturhaushalt einsetzten. Wälder sind besonders im deutschen Naturhaushalt systemrelevant. Kaum ein Landschaftsbestandteil kann das leisten, was ein gesunder Wald leisten kann. Besonders wenn man sich ansieht, was Wälder für die Biodiversität und das Klima tun. Nach der Waldprämie sollen besonders klimastabile, naturnahe Wälder und ihre nachhaltige Bewirtschaftung bezuschusst werden. In der Präambel wird der Wald als Erholungsort für die Menschen und als klimafreundlicher Lieferant für den Rohstoff Holz beschrieben, der Arbeit und Einkommen sichert. Begründet wird diese Waldprämie durch die negativen Auswirkungen auf den Holz-Absatzmärkte, die Logistikstrukturen und die Folgen der Extremwetterereignisse der letzten Jahre. Durch die Corona-Pandemie wurden diese negativen Auswirkungen verstärkt. Der Klimawandel tut durch Stürme und Dürreperioden samt Schädlingsbefall sein Übriges. Dies bedeutet, die Förster verlieren Geld. Sie können durch den Borkenkäfer in ihren Plantagen nicht mehr verkaufen und die Fichtensetzlinge gehen ein. Leidet die Forstwirtschaft, leiden natürlich auch nachfolgende Gewerke wie die nachgeschaltete Logistik. Die Waldprämie soll die privaten und kommunalen Waldeigentümer für die entstandenen Schäden teilweise entschädigen. Darüber hinaus soll die Waldprämie eine nachhaltige Forstwirtschaft über den gesetzlichen Rahmen hinausgehen und unterstützen. Die Bilder der deutschen Wälder in den Medien kennt ja jeder, vor allem die der Fichtenforste, welche vom Borkenkäfer vernichtet worden sind. Daher verstehe ich, dass du denkst, dass es eine gute Sache sei. Doch müssen wir nicht nur die Absichten betrachten, sondern auch die Voraussetzungen für die Waldprämie.  
Die erste Frage, die sich stellt, ist, wer diese Leistung bekommt. Nach der Richtlinie bekommt jede natürliche oder juristische Person des Privat- oder öffentlichen Rechts, die als Unternehmer (gemäß §136 Abs. 3 des 7. Buches des Sozialgesetzbuch) rechtmäßig eine Waldfläche (nach §2 Bundeswaldgesetzbuch) bewirtschaftet und dies in Schriftform belegt. Man könnte sagen jeder, der einen Wald besitzt mit Ausnahme von Bund und Ländern.  

Gibt es noch weitere Voraussetzungen? Jeder Waldbesitzer, der die Waldprämie in Anspruch nehmen will, muss ebenfalls ein Zertifikat nachweisen. Es gibt zwei Zertifikate, die hier greifen. Einmal das Program for the Endorsement of Forest Certification Schemes Deutschland (PEFC) und das Forest Stewardship Council Deutschland (FSC). Neben diesen beiden Zertifikaten gibt es noch die Naturland Richtlinie zur ökologischen Waldnutzung (Naturland). Eines der Zertifikate muss der Waldbesitzer vorlegen oder nach bis zu einem Jahr nachreichen. Also musst du vor der Beantragung der Waldprämie nicht einmal die Zertifizierung haben. Die Waldprämie ist – nicht, dass du es falsch verstehst – kein Darlehen. Die Höhe der Prämie wird je Hektar und Zertifikat berechnet.  

Wie hoch fällt die Waldprämie für die Waldbesitzer aus? Wälder nach PEFC-Zertifikat erhalten 100 Euro pro Hektar. Die Wälder die nach FSC- oder Naturland-Zertifikat erhalten 120 Euro pro Hektar. Kann die Auszahlung der Waldprämie verweigert werden? Eine Einschränkung gibt es: unter 100 Euro wird die Prämie nicht ausgezahlt. Naja, und die Kosten für die Antragsstellung werden ebenfalls nicht erstattet und einen Rechtsanspruch auf Bewilligung der Prämie hat man auch nicht. Klingt erstmal alles fair. Die Fragen, die sich mir jedoch stellten, waren, welche Punkte bei der Zertifizierung betrachtet werden und wie aussagekräftig diese Zertifizierung ist. Daher möchte ich einen kleinen Exkurs einbauen, um die Zertifizierung näher erklären zu können. Spannend ist, dass die Naturland-Zertifizierung nur die Einhaltung der FSC-Zertifizierung beinhaltet. Ich möchte die wichtigen Punkte für den Naturschutz einmal aufgreifen, bevor du zu einer Tabelle kommst, in der du die Zertifikate einmal gegenübergestellt siehst. Also die wichtigsten Punkte für gesunde Wälder sind: Baumartenwahl, Totholz und Biozideinsatz.  

Die Baumartenauswahl 

Die FSC/Naturland-Zertifizierung strebt eine langfristige und standortheimische Bestockung an. Fremdländische Gehölze sollen nur noch in Mischungen geduldet werden. Bei der PEFC-Zertifizierung werden Mischbestände mit standortgerechten Baumarten mit angepasster Herkunft angestrebt. Problematisch ist, dass es keinerlei Angaben dazu gibt wie diese Mischbestände sich zusammensetzten. Diese Problematik tritt auch bei der FSC/Naturland-Zertifizierung auf. Positiv bei der FSC/Naturland-Zertifizierung ist, dass die Douglasie und die Fichte als fremdländische Gehölze klassifiziert werden. Jedoch wird auch kein Verhältnis zwischen fremdländischen und heimischen Gehölzen genannt.  

Das Totholz 

Kurze Erklärung: Totholz sind abgestorbene Bäume, die entweder aufrecht im Wald stehen oder bei einem Sturm umgefallen sind. Sie sind wahre Archen im Waldgeschehen. Hier tummeln sich zahlreiche Pilze und Insekten, aber auch Vögel haben sich zur Aufgabe gemacht, ihre Bruthöhlen in diesen abgestorbenen Bäumen zu bauen. In einem späteren Artikel werde ich dir mehr dazu erklären. Das FSC/Naturland-Zertifikat stellt die Bedingung, dass es ein Totholzmanagement gibt, welches das Ziel verfolgt, in den Wäldern das Totholz zu steigern. Beim PEFC-Zertifikat wird gefordert, das Totholz und Höhlenbäume in einem angemessenen Umfang im Wald vorkommen zu lassen. Die Frage, die ich dir stellen möchte, ist: Wer kontrolliert das und wer legt fest, wie viel angemessen ist?  

Der Biozideinsatz 

Beim FSC/Naturland-Zertifikat ist der Biozideinsatz nur auf behördliche Anordnung einzusetzen. Das begiftete Holz darf anschließend erst nach sechs Monaten verkauft werden. Das PEFC-Zertifikat erlaubt die flächige Anwendung von Pflanzenschutzmitteln auf der Grundlage einer fachkundigen Begutachtung. Die Polterbegiftung (Maßnahme gegen den Borkenkäfer) wird nicht reglementiert, da es nur eine punktuelle Anwendung darstellt. Das jedoch Biozid eingesetzt werden darf, ist fragwürdig. Das Biozid greift in den wenigsten Fällen nur punktuell, sondern flächig. Sie töten nicht nur Insekten auf den Bäumen, sondern auch Insekten im Boden. Die Voraussetzung für einen Schädlingsbefall findet man in den meisten Fällen nicht in einer Mischwaldkultur, sondern in einer Monokultur. Fraglich ist also, wieso der Einsatz von Biozid erlaubt ist, wenn es sich bei den zertifizierten Wäldern um gesunde Waldökosystem handeln soll.  

Weitere Punkte sind in der folgenden Tabelle gegenübergestellt:  

Zertifikat / KategorieFSC / NaturlandPEFC
AkkreditierungDie Akkreditierung erfolgt durch den internationalen FSC Vorstand, nach einer Zahlung einer entsprechenden GebührBedient sich einer unabhängigen Zertifizierung, durch Personen die in Bereichen der Wirtschaft einen Namen gemacht haben (z.B. TÜV Nord). Die Zertifizierungsstellen setzen eine Zulassung bei der nationalen Akkreditierungsstellen voraus.
Referenzflächeim Staats- und Kommunalwald müssen die Flächen größer als 1.000 Hektar sein und 5% der Fläche aus der Bewirtschaftung genommen werden. Diese gelten dann als Referenzfläche.Hier wird keine Stillegung von Waldflächen gefordert, es wird dabei auf einen integierten Naturschutz gesetzt. Die Ausweisung von Totalreservaten wird nicht als Aufgabe des Zertifikats gesehen.
BaumartenwahlLangfristig soll die Forstwirtschaft eine standortheimische Bestockung anstreben. Fremdländische Gehölze wie Douglasie und Fichte sollen nur noch in Mischungen geduldet werden.Bei dem Zertifikat werden Mischbestände mit standortgerechten Baumarten und angepasster Herkunft angestrebt.
TotholzAls Vorbedingung wird ein Totholzmanagement gefordert, welches das Totholz in den Wäldern steigern soll.Hier wird nur gefordert, dass Totholz und Höhlenbäume in einem angemessenen Umfang erhalten ist.
BiozideinsatzDer Biozideinsatz ist nur auf behördliche Anordnung einzusetzen. Begiftetes Holz darf erst nach 6 Monaten verkauft werden.Das Zertifikat erlaubt eine flächige Anwendung von Pflanzenschutzmittel, auf der Grundlage fachkundiger Begutachtung. Polterbegiftung wird nicht reglementiert, da es nur eine punktuelle Anwendung darstellt.
Tabelle 1: Kriterien für die Waldzertifizierung

Es gibt also durchaus Punkte, die kritisch gesehen werden müssen, nicht nur bei der Zertifizierung als auch bei der Waldprämie. Der Bundesrat bemängelte an dem Beschluss, dass qualifizierte Kriterien fehlen und die Flächenprämie keine Lenkungswirkung hat. Das PEFC-Zertifikat beschreibt die gesetzlichen Standards für Wälder. Sprich es wird gerade Geld dafür ausgeschüttet, dass Wälder den gesetzlichen Mindeststandard erfüllen. So einen Fall finden wir nicht nur bei der Forstwirtschaft, sondern ebenfalls in der Agrarpolitik. Hier werden Gelder von der EU zum Teil als Direktzahlung an die Landwirte weitergegeben. Wofür? Dafür, dass sie einfach Landwirtschaft im Rahmen der gesetzlichen Regeln betreiben. Jetzt denkt bestimmt jeder, okay, man könnte an einigen Stellen nachbessern. Doch das Bundeslandwirtschaftsministerium sieht im Falle der Waldprämie keinen Nachbesserungsbedarf. Hauptargument ist, dass die kleinen Waldbesitzer derzeit kein Geld verdienen und dadurch die Motivation verlieren, Wald zu machen. Jedoch können Waldbesitzer nicht nur die Waldprämie beantragen, sondern konnten sie zuletzt ebenfalls Digitalisierung und Technik für nachhaltige Waldbewirtschaftung beantragen. Hier sind die Auflagen wesentlich höher und somit kann nicht jeder diese Gelder abgreifen. Also halten wir fest, die Waldprämie ist einfach zu haben, die Zertifikate bilden teilweise nur den gesetzlichen Mindeststandard ab und ohne die Waldprämie können kleine Waldbesitzer keinen Wald mehr machen. Ob man Wald machen kann und was die Forstwirtschaft noch für den Wald tut, werde ich dir in einem weiteren Kurzbeitrag erzählen.  

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen