Mystisches Moor und seine Geschichte

In meinem letzten Beitrag habe ich euch erklärt, wie ein Moor entsteht und was wir in Deutschland für unterschiedliche Moortypologien haben. Falls du dich fragst, wie die Unterschiede sind und wie einzigartig dieser Lebensraum ist, empfehle ich dir den Beitrag noch einmal zu lesen. Fakt ist, dass ursprünglich 1,5 Millionen Hektar, eine Fläche von 4,2 Prozent der gesamten Landfläche von Deutschland, mit Mooren bedeckt war. Heute sind sie leider zu 95 Prozent entwässert, abgetorft, bebaut und in den meisten Fällen landwirtschaftlich und forstwirtschaftlich genutzt. Heute möchte ich euch ein bisschen über die Geschichte des Moores erzählen und wie es passieren konnte, dass wir heute nur noch so wenige Moorflächen in Deutschland haben. 

Renaturierte Moorfläche (Simmerath 2020)

Geschichte und Nutzung von Mooren

Ich will nun nicht weit ausholen, aber selbst Jäger und Sammler nutzten während der Steinzeit schon Moore. In der Bronzezeit wurde Torf schon als Brennstoff für die Kupfer- und Zinnschmelze genutzt, aber man brauchte den Torf auch für die Bronzeherstellung. Vorteil von Torf als Brennmittel ist, dass die Brenntemperatur gut regulierbar und gleichbleibend ist. Damit war der Torf besser geeignet als Holz oder Kohle. In der Eisenzeit wurden vorwiegend Versumpfungsmoore für die Eisengewinnung genutzt. Die Römer nutzten den Wiesenkalk aus Moorniederungen für Branntkalk, welche für Feld- und Backsteinmauerwerk genutzt wurden. Bis heute wird Wiesenkalk zur Bodenverbesserung eingesetzt. In trockenen Jahren konnte man Moore schon immer zur Heugewinnung oder als Streuwiese nutzen – und das ohne Eingriff in die Hydrologie. 

Im 13. Jahrhundert wurden die ersten Moore entwässert und mit der Niedermoorschwarzkultur begonnen. Bei der Schwarzkultur wird das Moor entwässert, danach die natürliche Vegetation beseitigt und immer wieder durchgearbeitet. Der Boden wird dabei mit Kalk und Phosphat angereichert und mit speziellem Saatgut eingesät. Bei einer Schwarzkultur ist der Moorboden nach der Entwässerung ohne Veränderung kultivierbar, dies gelingt jedoch nur auf Niedermooren. An anderen Orten wurde das Moorwachstum durch Wasserstauung mit Wassermühlen gefördert und der regionale Wasserhaushalt verändert. Mit der Zeit wurden immer mehr Moorflächen nach und nach systematisch entwässert. Es werden künstliche Abflüsse eingerichtet wie Gräben, Rohrdränungen oder Vorflutgräben. Sie greifen auf unterschiedliche Weise in den Wasserhaushalt ein. 

Binnengräben senken den Wasserstand im Moor vergleichsweise geringfügig ab. Dabei wird der Wasserstand im Zentrum des Moores um einige Dezimeter abgesenkt. Bei der Renaturierung sollten daher die langen Gräben abschnittsweise unterbrochen werden.

Versickerungsgräben führen im Moor zu einem regelrechten „Ausbluten“. Sie durchbrechen die abdichtenden Schichten am Moorrand, sodass das Wasser aus dem Moor fließen kann. Bei einer Renaturierung müssen die Gräben am Rande des Moores unbedingt verschlossen werden.  

Offener Wassergraben (Simmerath 2020)

Die Abzugsgräben haben einen besonders starken Entwässerungseffekt. Sie beeinflussen nicht nur die Moore und deren Wasserhaushalt, sondern auch das gesamte Wassereinzugsgebiet. Nach und nach wachsen diese Gräben zu, da sie nicht immer gepflegt werden. Dies wird problematisch, da sie kaum erkennbar sind, jedoch immer noch eine deutliche Entwässerung verursachen. Will man das Moor im Zuge einer Renaturierung retten, muss man alle Gräben finden. 

Dabei ist es eigentlich egal, wie ein Moor entwässert wird, da sich jeder Wasserentzug auf die ökologische Funktion der Moore, ihre Artenzusammensetzung und ihre Artenvielfalt auswirkt. Fast jede Nutzung von Mooren dient der land- und forstwirtschaftlichen oder gartenbaulichen Nutzung, aber auch die Torfgewinnung geht mir einer entsprechenden Wasserregulierung einher. Neben der Anlage von Gräben, Rohrdränungen und Vorflutgräben wirken sich auch die Fassungen von Quellen oder indirekte Flussregulierungen und die Entnahme von Trinkwasser auf die verbundene Grundwasserabsenkung in der Landschaft aus. Die Schäden der Entwässerung sind komplex und machen sich teilweise erst nach Jahren im gesamten Ausmaß bemerkbar.

Wie wirkt sich eine Entwässerung auf Moorböden aus? Im Gegensatz zu Mineralböden hat Torf ein vollständig wassergefülltes Porenvolumen und damit ein labiles Gefüge. Die Entwässerung bedeutet, dass eine Verringerung des Porenvolumens eintritt, da die Poren nicht mehr wassergefüllt sind und zusammensinken. Damit sackt der Moorboden ab und die Torfmächtigkeit nimmt ab.  Die natürliche Verdunstung des Porenwassers trägt zu einem weiteren Niveauverlust bei. Nach der Entwässerung und der Belüftung setzt eine sekundäre Bodenbildung ein. In der Abhängigkeit von der Zeit und der Trophie der Torfe entstehen unterschiedliche Gefügeformen. In Regionen, die niederschlagsreich sind, können die Böden vererden. Es entsteht über die Zeit ein dunkel- bis schwarzbraunes Krümelgefüge. In diesem Krümelgefüge sind die Pflanzenreste mit bloßem Auge nicht mehr zu erkennen, jedoch noch mit dem Mikroskop nachweisbar. In trockenen Gebieten bilden sich bei fortdauernder, stärkerer Austrocknung eher humin- und aschereiche, schwer benetzbare und trockene Feinkorngefüge mit Rissen und Klüften im Boden. Das ist jedoch eine äußerst ungünstige Gefügeform. In der Fachwelt wird dieser Boden Mulm genannt, die Böden sind leicht erodierbar und irreversibel ausgetrocknet. Die Böden können nicht mehr wiederbefeuchtet werden und stellen heute den extremsten Moorstandort dar. Unter den vertrockneten Böden bleibt die mineralischen Bodensubstanz feucht bis nass. Es entsteht ein Horizont aus kohlengrusähnlichen, verbackenen Teilchen. Dieser wird Vermurschungshorizont genannt. Das Segregations- bzw. Absonderungsgefüge stellt das Endstadium der Vertrocknung der Niedermoore dar. Die Böden, die sich dadurch gebildet haben, sind schwer durchwurzelbar und haben einen sehr ungünstigen Wasser- und Nährstoffhaushalt. Es entstehen jedoch nicht nur physikalische und chemischen Schädigungen des Moores für die Entwässerung zur Verringerung der Evapotranspiration. Dies führt wiederum zu einer Reduzierung der Kühlung in der Landschaft. Die Torfe sind weniger wassergesättigt. Dies führt zu einer Veränderung der Artenzusammensetzung und geht bis hin zu weniger wasserliebenden Arten und einer starken Reduzierung der moortypischen Biodiversität. Mit der Entwässerung steigt die Gefahr von Bränden deutlich an. Wenn die trockenen Moore anfangen zu brennen, entstehen große Mengen an Treibhausgasen sowie umwelt- und gesundheitlichen Luftschadstoffen. Heute hört man selten von Moorbränden, jedoch brannten im Jahr 2018 über 12 Quadratkilometer Moorfläche. Während der Trockenheit im Sommer wurden Raketenerprobungen in der Nähe von Meppen durchgeführt. Dabei entstand der Großbrand im Moor. Auch im Mai 2020 brach ein Moorbrand aus, diesmal im Naturschutzgebiet „der Loben“ in Brandenburg. Hierbei brannte das Moor auf 100 Hektar. 

Unbefestigter Moorweg (Venner Moor 2020)

Ein anderes Verfahren zur Nutzung landwirtschaftlicher Moorflächen ist die Moorbrandkultur. Dabei wird das Moor im Winter oberflächlich entwässert und abgehackt. Im kommenden Frühjahr wird es dann in Brand gesteckt. In die Asche wird schließlich Buchweizen und Hafer gesät. Das Feuer reguliert sich durch die Windrichtung und die zu- oder abnehmende Feuchtigkeit im Boden. Ein Nachteil dieses Verfahrens ist, dass die Nährstoffreserven im Boden nach zehn Jahren erschöpft sind und das Land danach 30 Jahre brach liegen muss. 

Neben dem Moorbrand wird noch die Fehnkultur betrieben. Hierbei werden große Entwässerungsgräben angelegt, um den Schwarztorf abbauen zu können. Dabei dienen die großen Gräben ebenfalls zum Abtransport des Torfes. Auch Hochmoore bleiben vor den Eingriffen des Menschen nicht verschont. Hierbei wird die Hochmoorkultur bei den Mooren betrieben, wo die Torfmächtigkeit mehr als 1,3 Meter beträgt. Dabei werden die Moore nicht entwässert und abgetorft, sondern umgebrochen und gedüngt. Aus dem entstehenden Boden wird schließlich Grünlandwirtschaft. Ein anderes Verfahren ist, Sand aus einer Tiefe von ca. 3 Metern zu fördern und zu durchpflügen. Daraus entsteht eine Sand-Mischkultur und kann vielseitig eingesetzt werden. Bei Niedermooren wird die Tiefenpflug-Sanddeckkultur eingesetzt. Bei diesem Verfahren ist die Torfschicht nicht dicker als 80 cm. Es wird ein Tiefenpflug mit einer Arbeitstiefe von 1,6 Metern eingesetzt um etwa 135° gewendet und schräg gestellt. Dadurch wird das Bodenprofil stark verändert, dann wechseln sich Torf- und Sandbalken ab. Das Profil wird dann von einer 20 bis 30 Zentimeter dicken Sandschicht überlagert. Dabei ändern sich die Bodeneigenschaften grundlegend. Der Bodenwassergehalt und die Möglichkeit der Grundwasserregulierung werden viel ausgeglichener, was durch die stark steigende Wasserleitfähigkeit begünstigt wird. Danach ist ein intensiver Getreideanbau auf einem Niedermoor möglich. Wenn du dir jetzt die Frage stellst, warum der Mensch angefangen hat, die Moore so drastisch zu verändern, dann kommt jetzt die Antwort. 

Nutzung der entwässerten Moorböden

Wanderweg im Venner Moor (Venner Moor 2020)

Früher wurden Moorflächen extensiv genutzt. Das lag daran, dass man nicht über die Technik verfügte, Moore großflächig und tiefgründig zu erschließen. Jedoch eigneten sie sich als Viehweiden oder Streuobstwiesen. Dies lag besonders an ihrem feuchten Untergrund und der satten Pflanzenvielfalt. Dennoch gingen auch dadurch viele natürliche Moore verloren. Daraus entwickelten sich manche dieser nur wenig genutzten Wiesen zu einem wertvollen Lebensraum für mittlerweile stark gefährdete Arten. Diese Lebensräume „aus zweiter Hand“ sind oft die letzten Rückzugsräume für gefährdete Arten. Mit den Möglichkeiten der landwirtschaftlichen Technik des vergangenen Jahrhunderts, änderte sich auch die Nutzung des Moores. Dabei wurden große Moorflächen im Zuge der Erschließung und Flurgestaltung entwässert und intensiv genutzt. Ende des 20. Jahrhunderts ging die intensive Nutzung der Moorflächen mit verstärkter Entwässerung, Torfmineralisierung, Düngung und gestiegenem Nährstoffaustrag einher. Seit jeher schrumpfen die Torfköper, was bedeutet, dass Moore mit hohem technischen Aufwand – durch Schröpfwerke und regelmäßige Grabenvertiefungen – trocken gehalten werden müssen. Wenn Moore nicht landwirtschaftlich genutzt werden, droht ihnen noch eine ganz andere Gefahr. Die meisten Flächen in Deutschland werden landwirtschaftlich genutzt, sodass die Gefahr für Moorflächen auch von benachbarten Flächen ausgeht. Wenn diese landwirtschaftlich genutzt werden, werden übermäßig viele Nährstoffe auf die bewirtschaftete Fläche gebracht. Doch diese Nährstoffe bleiben nicht dort, wo sie aufgebracht werden, sondern verteilen sich im Boden. Das bedeutet für das angrenzende Moor, dass auch hier eine Eutrophierung stattfindet. 

Wenn du dir jetzt denkst, dass die Landwirtschaft das doch nicht tun kann, dann warte noch eine Sekunde und lese weiter. Denn nicht nur die Landwirtschaft nutzt Moore intensiv. Die Forstwirtschaft greift genauso in die Wasserhaushalte wie die Landwirtschaft ein. In unseren Wäldern gibt es nämlich ebenfalls Feuchtgebiete, die Mooren ähnlich sind. Die meisten Wälder in Deutschland bestehen aus Fichten- und Kiefernmonokulturen. In den meisten Gebieten würden diese Arten auf natürliche Art und Weise nicht vorkommen – zumindest nicht in Reinbeständen. Nadelbäume haben zwar eine kleinere Blattfläche als Laubbäume, verdunsten als immergrüne Art jedoch ganzjährig betrachtet mehr Wasser. Man muss leider sagen, dass diese standortfremden Bäume verglichen mit den ursprünglich dort wachsenden Waldgesellschaften mehr Wasser verdunsten. So versickert weniger Wasser in den Boden. Darüber hinaus beeinflussen Baumarten und Altersaufbau der Wälder die Neubildung von Grundwasser. Daher fördern nach dem Verschluss bestehender Entwässerungssysteme auch ein Waldumbau bis hin zu Waldgesellschaften, die einst auf den Standorten zu finden waren, die angrenzenden Moorlebensräume und die Artenvielfalt. Privatwald-Besitzer und die öffentliche Hand sollten ihre Nadelbaummonokulturen zu naturnahen Wäldern umbauen, um den Wasserhaushalt im Einzugsgebiet zu verbessern. Hierbei sollte generell auf Kahlschläge verzichtet werden. In kleinen Einzugsgebieten und besonders an Hängen kann es sonst zu vermehrter Erosion und verstärktem Oberflächenabfluss kommen. Damit würde nährstoffreicher Boden in tiefer gelegene Bereiche geschwemmt und die Entwicklung der Feuchtgebiete stark beeinträchtigt. Wie wir sehen, ist das Moor nicht nur dort gefährdet wo es selbst zu finden ist, sondern wird oft auch durch die angrenzenden Flächen beeinflusst. Das alles klingt jetzt nicht aufbauend und nicht sonderlich gut. Aber es gibt für unsere Moore eine kleine Hoffnung: und zwar sind die meisten geschützt und andere werden renaturiert. Wie das funktioniert und was hinter dem Schutz der Moore steht, erzähle ich euch in einem anderen Beitrag. 

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