Geschichte der Waldnutzung

Den Deutschen wird nachgesagt, dass wir eine ganz besondere Beziehung zum Wald haben. In Deutschland hat jeder seine eigene Meinung zum Wald. Und wenn ich „jeder“ sage, meine ich auch wirklich jeden. Darunter natürlich die Forstfachleute und die Holz verarbeitende Wirtschaft aber auch Umweltverbände, Bürgerinitiativen und die Zivilgesellschaft diskutieren mit. Darüber hinaus haben Wissenschaft und Politik ein berechtigtes Interesse am Wald. So entsteht bei vielen der Eindruck, dass wir ein Volk von lauter Waldexperten sind. Wie falsch wir mit dieser Einschätzung liegen und wie falsch diese Außenwirkung ist, werde ich dir heute in meinem Beitrag erzählen, denn es wird das Thema Forstwirtschaft betrachtet. Es wird um unsere Expert:innen in Sachen Wäldern gehen und was sie mit unserem Wald anstellen. Bevor wir zu der aktuellen Situation kommen, fangen wir bei der Vergangenheit an. Denn unser Wald wird schon immer bewirtschaftet. 

Buchenwald bei Schloss Lichtenstein (Lichtenstein 2021)

Die Anfänge der Waldnutzung

Die Wälder, die wir heute vor der Haustür haben, sind größtenteils Wirtschaftswälder. Das bedeutet, dass wir in Mitteleuropa ausschließlich Ersatzgesellschaften als Wald haben. Wir beginnen unsere heutige Geschichte in der keltischen Zeit. Mit der Ausbreitung der Landwirtschaft und der Metallverhüttung wurde eine erste intensivere Waldnutzung betrieben. Besonders in der römisch-germanischen Periode und vor allem in den dichten besiedelten südwestlichen Teilen nahm die Waldnutzung weiter zu. 

Das freie Germanien wurde im 1. Jahrhundert von Publius Cornelus Tacitus als ein Land, bedeckt von schrecklichen Wäldern und abscheulichen Sümpfen beschrieben. Tacitus lebte im Süden, dort war die Landschaft schon seit Jahrhunderten vom Menschen überprägt. Im freien Germanien fanden sich die Eingriffe in dem Wald im Bereich des direkten Siedlungsbaus vor. Hier wurden die Wälder für den Ackerbau und das Weideland gerodet. Außerdem wurde das Holz für die Feuerstellen aus dem Wald geholt. Dies führte im Bereich der Siedlung zur weiteren Ausdünnung des Waldes. Teile des Waldes, welche durch Rotbuche (Fagus sylvatica) und Eichen (Quercus in Arten) geprägt waren, wurden als Waldweiden genutzt. Später im Beitrag gehe ich noch einmal im Detail auf Waldweiden ein. Dadurch, dass die Siedlungen meistens nach einiger Zeit aufgegeben wurden, konnte in diesen Bereichen eine natürliche Sukzession eine naturähnliche Vegetation entwickeln. Im römisch besetzten Teil sah das anders aus. Der Wald wurde in diesem Teil intensiver genutzt. Allein für den Städtebau wurden entsprechende Holzmengen benötigt. Besonders für den Hausbrand (Feuerstelle), den Betrieb der Bäder mit ihren aufwändigen Bodenheizungen und Warmwasserbecken mussten stetig große Holzmengen bereitgestellt werden. Durch die Niederlage gegen die Germanen musste die Strategie der Römer verändert werden. Die defensive Strategie erforderte jedoch den Bau des Limes, dieser war 500 km lang und wurde überwiegend aus Holz und Stein gebaut. Außerdem schlug man für den Limes eine Schneise in die Wälder. Auf den fruchtbaren Böden wurden die Flächen für die Land- und Weidewirtschaft entwaldet. Die Römer brachten aber auch einige vertraute Baumarten aus dem Mittelmeerraum mit, wie die Esskastanie (Castanea sativa) und Walnuss (Juglans regia). Du siehst, die römische Kolonisierung war ein einschneidender Eingriff in die Waldgesellschaften in Mitteleuropa. Verblieben sind viele waldfreie Zonen, die sich von der intensiven Beweidung nicht mehr erholt haben. Aber auch das Artengefüge in vielen Waldgesellschaften war durch die selektive Nutzung gestört, die eingeschleppten Arten wurden hingegen Bestandteil der Vegetation. Nach den Römern folge die Phase der Völkerwanderung. In dieser Zeit waren halbsesshafte Siedlungsformen hoch im Kurs. Dies verschaffte dem Wald die Möglichkeit, sich wieder auszubreiten. 

Waldnutzungen im Mittelalter 

Im Mittelalter nahm die Besiedlungsfläche wieder zu. Hier standen vor allem die Böden im Fokus, auf denen man Ackerbau betreiben konnte. Im frühen und hohen Mittelalter wurde dann begonnen, den Wald großflächig zu roden. Einerseits benötigte man die Fläche, um neue Siedlungsflächen zu erschließen. Auf der anderen Seite benötigte man den Wald für die Gewinnung von Bau- und Brennholz. Diese Periode hat die Landschaften in großen Teilen Mitteleuropas bis heute geprägt. Durch Seuchen und Einfall fremder Völker stockte die Rodung, da die Bevölkerungszahlen nicht wesentlich anstiegen. Auch im Mittelalter gab es Bereiche, die menschenleer blieben, wie zum Beispiel die hohen Mittelgebirgszüge. Die ersten Siedlungen, die sich im Schwarzwald oder auch im Harz nachweisen lassen, gab es erst ab dem Jahr 1000. Die zweite große Rodungsperiode setzte ab dem Jahr 1100 ein. Dabei drangen die Menschen in entlegene Täler der Mittelgebirge vor. Spannend ist hier zu erwähnen, dass diese zweite Rodungsperiode damals das Verhältnis zwischen Kultur- und Waldfläche geschaffen hat, die dem heutigen Verhältnis entspricht. Diesen Umstand kann man bis heute in der Landschaft ablesen. Bis zum Jahr 1300 wurden viele Wälder gerodet und landwirtschaftlich so intensiv genutzt, dass sie ihren Waldcharakter verloren haben. Die massiven Rodungen hatten damals schon dramatische Folgen. Es wurden viele geschlossene Waldgesellschaften zerstört. Zurück blieben kahle Bergrücken und Heidelandschaften. Die Baumartenverteilung änderte sich. Aufgrund der verschwindenden und sich nicht regenerierenden Wälder kam es zu massiver Erosion der Böden. Daraufhin wurden Felder und Siedlungen aufgegeben. Versorgungsengpässe waren besonders in Kriegszeigen eine Folge des Raubbaus. Eine Verschnaufpause gab es für den Wald während des dreißigjährigen Krieges. Die Bevölkerung wurde langfristig dezimiert, diese erholte sich erst nach 200 Jahren vom Krieg. Verlassene Landstriche mit vormals landwirtschaftlicher Nutzung verwaldeten nach und nach. 

Buchenwald bei Castrop-Rauxel (Castrop-Rauxel 2021)

Im Mittelalter benötigte man Holz für die Herstellung von Glas, in der Gerberei oder im Bergbau beim Grubenausbau. Seit dem 16. Jahrhundert bis ins frühe 19. Jahrhundert wurde regelmäßig über Holznot geklagt. Im Schwarzwald wurden riesige Mengen Holz zu Flößen gebunden und in die Niederlande für den Schiffsbau exportiert. In der Zeit war oft unklar, wie die Besitzverhältnisse der Wälder waren, wodurch der Raubbau weiter befeuert wurde. Um 1800 waren in Deutschland kaum noch geschlossene Wälder vorhanden. In der Winterzeit war das Holz teilweise so knapp, dass alles verbrannt wurde, was man aus Holz hatte. Das waren die dunkelsten Zeiten des Waldes. Zu der Zeit wurde der Wald sehr vielseitig genutzt. Wie wir dieser Phase entkamen, erkläre ich dir gleich. Erst einmal schauen wir uns die Nutzung noch genauer an. 

Hutewald oder auch Waldweide ist eine frühe historische landwirtschaftliche Form der Waldnutzung. Hierbei wurde das Vieh in den Wald getrieben. Je nach Intensität der Nutzung lichteten sich die Wälder auf oder starben ab. Gehölze, die nicht gerne gefressen wurden, breiten sich aus, wie z.B. der Wacholder. Heute kannst du sowas noch in den parkartigen Landschaften der Wacholderheiden sehen. Zeidelweiden dienten der Bienenzucht. Honig war im Mittelalter die einzige Art, Speisen zu süßen. Bienenwachs wurde darüber hinaus für die Herstellung von Kerzen zur Beleuchtung von Kirchen genutzt. In den Zeidelweiden hat man insbesondere Baumarten wie Linde, Salweide, Tanne oder Kiefer gefunden. Harznutzung ist die älteste Nutzungsform im Waldgewerbe. Nadelbäume wie Fichte und Kiefer sind hierbei die bevorzugten Baumarten. Ganze Bestände beklagten Zuwachsverluste und Schwächung der Vitalität. Harz war jedoch ein beliebter Grundstoff, daher wurde überall Harz gewonnen, wo man nur konnte. Brennholz ist leicht erklärt. Holz ist auch heute noch ein wichtiger Energieträger des Menschen. Im 19. Jahrhundert wurde das Holz durch Kohle ersetzt. Siedlungsnah wurde Feuerholz und Hausbrand gewonnen. Holz wurde teilweise auch von Aschenbrennern einfach verbrannt, um Pottasche zu gewinnen. Dies war die einzige Kaliumquelle für die mittelalterlichen Gewerbe. In allen Waldungen wurden Köhlereien betrieben und Holzkohle hergestellt. Siedlungsnah verwendete man wegen des Brandschutzes minderwertiges Holz. Nutzholz wurde schon immer aus verschiedenen Teilen Europas importiert. Dieses nutzte man für den Bau oder die Konstruktion. Beliebte Hölzer dafür waren Eiche und Nadelhölzer. Eine besondere Stellung hatte die Eibe, welche bei der Waffenherstellung sehr beliebt war. Die Flößerei wurde immer im Zusammenhang mit Im- oder Export von Holz betrieben. Dabei wurden Bäume oder Baumteile als Floß über Flüsse oder einzeln über Bäche von a nach b transportiert. 

Kommen wir nun zu der ersten Aufforstungswelle in Deutschland. Um die Holznot abzuwenden, wurden ab Mitte des 19. Jahrhunderts devastierte Wälder und Kahlflächen mit Fichten und Kiefern aufgeforstet. Auf besseren Böden wurde vielfach die Gemeine Fichte (Picea) gepflanzt und auf ärmeren Böden fand man die Waldkiefer (Pinus). Diese Baumarten wachsen schneller als Rotbuchen oder Weiß-Tannen auf und führten zu hohen Holzerträgen. Zeitgleich entstanden die ersten staatlichen Forstverwaltungen in Mitteleuropa. Diese sollten die Holznutzung sicherstellen. Während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Brennholz von der Kohle in den Haushalten, in der Industrie- und den Gewerbebetriebe abgelöst. Dies sorgte für eine deutliche Entlastung der Wälder. Nach den Weltkriegen sorgte der Wiederaufbau wiederrum für große Kahlflächen, auf denen häufig Reinbestände aus Fichte und Kiefer gepflanzt wurden. In den 1990er Jahren wurde vermehrt auf Mischwälder gesetzt. Doch durch den Druck der Holzindustrie wurden diese Projekte wieder eingestampft. Womit wir einen schnellen Ritt durch die Zeit gemacht haben und wieder in der heutigen Zeit angekommen sind. Die deutsche Waldlandschaft ist geprägt von Reinbeständen aus Kiefer und Fichte. Einige wenige Buchenwälder haben die Zeit überdauert und sind besonders geschützt. Die Reinbestände kämpfen mit den Folgen der schweren Stürme aus den Jahren 1990, 1999, 2007 und 2008 und dem Borkenkäfer, der in den letzten Jahren durch den Klimawandel ein leichtes Spiel in den Plantagen hatte. Fakt ist, dass Deutschland zu etwa einem Drittel mit Wald bedeckt ist. Fast alle Wälder, die wir haben, sind Wirtschaftswälder. Wie die heutige Forstwirtschaft den Wald verändert, erzähle ich dir jetzt. 

Forstwirtschaft und wie sie den Wald verändert

In Deutschland sind Waldbesitzer angehalten, nach dem Bundes- und Landeswaldgesetzen zu bewirtschaften. Sie sind verpflichtet, „ordnungsgemäß und nachhaltig“ zu bewirtschaften (§11 Bundeswaldgesetz). Hierbei soll der Wald nicht nur als Rohstoffquelle, sondern auch als Grundlage für den Arten-, Boden-, Klima- und Wasserschutz sowie für Freizeit und Erholung der Bevölkerung berücksichtig werden. Die moderne Forstwirtschaft muss ständig zwischen den wirtschaftlichen und ökologischen Interessen abwägen. Wir haben aus den katastrophalen Rodungen des Mittelalters scheinbar gelernt und wollen den nachfolgenden Generationen mindestens vergleichbare Nutzungsmöglichkeiten überlassen. Daher gibt es die Zertifizierung Forest Stewardship Council (FSC) und Program for the Endorsement of Forest Certification Schemes (PEFC). Diese sollen für mehr Nachhaltigkeit sorgen. Welche Grundsätze die Wälder haben müssen, um eine Zertifizierung erhalten zu können, hatte ich einem vorherigen Beitrag schon aufgezeigt. Die waldbauliche Tätigkeit umfasst dabei zielorientiertes Planen, Entscheiden und Umsetzen im Bereich der Erneuerung, Pflege und Sanierung von Waldökosystemen. Gleichzeitig müssen immer ökologische, sozioökonomische und technische Erkenntnisse betrachtet werden. Dennoch lass dir gesagt sein, dass jede holzwirtschaftliche Nutzung ein Eingriff in den Wald beinhaltet und damit dem Wald permanent Biomasse entzieht. Diese würde ohne Eingriff von Natur aus zur Bodenbildung im Wald verbleiben. 

Plantage (Hollenstedt 2021)

In den letzten Jahren wurde die Kritik an der Forstwirtschaft aus dem Bereich der Naturverbände lauter. Zum einem haben sich die Umtriebszeiten der Forstwirtschaft verkürzt, womit das Ökosystem immer mehr gefährdet wird. Zur Erklärung: in der Forstwirtschaft bezeichnet man mit „Umtriebszeit“ den zu erwartenden Zeitraum von Bestandsbegrünung bis zur Endnutzung durch den Holzeinschlag. Die Perioden zwischen Aufwuchs und Einschlag haben sich also verringert. Dies wird besonders durch den Bedarf des Menschen nach Bau- und Brennholz vorangetrieben. Doch warum ist das problematisch? Ich werde es dir anhand von Vögeln erklären. Alte Bäume gibt es in unseren Wäldern kaum noch. Doch alte Bäume werden als Lebensraum für Höhlenbrüter benötigt, da diese bestes Baumaterial für ihre Nisthöhlen darstellen. Ein weiteres Problem ist, dass viel Totholz aus den Wäldern entnommen wird, obwohl es für Vögel ein wahres Buffet ist. 

Die Forstwirtschaft setzt noch immer auf ihren Brotbaum: die Fichte. Auch wenn sich in den letzten Jahren schon herauskristallisiert hat, dass die Fichte nicht das Allheilmittel ist. Die Fichte bildet monokulturartige, extrem artenarme Stangengärten. Mittlerweile nimmt der Holzeinschlag überhand und gleichzeitig wird es uns als nachhaltige Forstwirtschaft verkauft. Das sind Maßnahmen und Schäden, die unsere Wälder jetzt schwächen. Doch auch in der Vergangenheit wurden Maßnahmen getroffen, die wir aktuell als Spätfolgen noch immer wahrnehmen können. Dazu gehört das Entwässern von Waldmooren sowie die Aufforstung von Heiden und Waldwiesen. 

Wie vieles in unserer Welt hat der Wald eine starke Strukturverarmung erlebt – und zwar nicht nur in der Fläche, sondern auch im stufigen Aufbau. Jetzt haben wir über die Geschichte des Waldes an sich sowie die Aufgaben und einen Teil der Probleme der Forstwirtschaft gesprochen. Wir wissen, dass die Forstwirtschaft alle unsere Wälder bewirtschaftet. 

Aber welche Probleme sie noch in den Wald bringt, möchte ich dir jetzt erzählen: den Harvester. Eine Höllenmaschine, die Bäume „erntet“. Ein Wald ist nicht nur von Wegen sondern auch durch Rüttelgassen durchzogen. Diese durchziehen einen Wald und dienen der Baumernte. Sie werden massiv von Harvestern befahren. Diese sägen einen Baum oberhalb der Wurzel ab und entasten ihn im gleichen Zug. Nach der Entastung wird der Baum in Stücke gesägt, damit er besser aus dem Wald transportiert werden kann. Diese Harvester nehmen keine Rücksicht auf den Unterwuchs, die Waldrandhecken oder z.B. auch auf Ameisenhaufen. All das wird einfach plattgefahren. Zurück bleiben tiefe Gräben, als hätte gerade eine große Schlacht in diesem Wald gewütet. Das sind die Schäden, die man sofort sehen kann. Doch viel schlimmer sind die Schäden, die im Verborgenen bleiben. Schäden an Wurzeln und an den Pilzmyzelien. Bei Regen bleibt das Wasser infolge der Verdichtung in den Gräben stehen. Der natürliche Schutz des Bodens ist dahin und er wird für Erosion besonders angreifbar. So geht mit jeder Überfahrt kostbarer Waldboden verloren. Dabei ist der Boden so unfassbar wichtig für alles Leben auf der Welt. 

Geräumter Forst (Castrop-Rauxel 2021)

Also du siehst, es gibt durchaus Probleme in unseren Wäldern. In den Nadelholzplantagen werden die Probleme immer größer – auch angetrieben vom Klimawandel. So sterben immer mehr Plantagen ab. Die Fichte ist nicht für die Trockenheit ausgelegt. Darüber hinaus befällt der Buchdrucker (Borkenkäfer) viele geschwächte Fichtenplantagen. Welche wichtigen Funktionen der Wald hat, kannst du in meinem Beitrag „Das Ökosystem Wald und prägende Faktoren“ nachlesen. Wie nachhaltige Forstwirtschaft aussehen müsste und wie unsere Wälder fit in den Klimawandel gehen können, werde ich dir ein einem weiteren Beitrag erzählen. 

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